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Aconcagua
Normalroute























12. Januar: Sammlung der zehnköpfigen Bergsteigergruppe auf dem Flughafen Madrid.


13. Januar: Abflug nach Mitternacht nach Santiago de Chile. Schlafe im Flugzeug bis 9.30 Uhr MEZ! Stelle die Uhr auf 5.30 Uhr OZ zurück. 9.45 Uhr OZ überfliegen wir die Anden. Schieße die ersten Fotos vom Aconcagua. Ankunft nach 10.00 Uhr bei 30°C. Mit leichtem Schwindel absolviere ich mit der Gruppe eine Stadtrundfahrt. Dann folgt an der Hotelbar ein „pisco-sauer", das Packen, das Abendessen und der gesunde Schlaf mit vollem Magen.


14. Januar: 10.40 Uhr Start mit einer Maschine nach Mendoza, der nächsten Provinzhauptstadt in Argentinien. Wir erhalten die Permits für die Besteigung des Aconcagua und fahren mit dem Bus nach Los Penitentes (2680 m). Übernachtung.


15. Januar: 9.00 Uhr Aufbruch zur ersten Akklimatisationstour zum Cerro Penitentes Chico (3690 m). 10.00 Uhr Sicht auf den Aconcagua. Niko, ein Teammitglied und Heilpraktiker macht für alle denkbaren Probleme den „Schulter-Arm-Test", mal mit Hufeisen, mal mit Wasserflasche, um die Qualität des Wassers zu testen. Gut, dass wir so einen Experten dabei haben. 16.00 Uhr Ankunft im Hotel. Dann zieht sich der Himmel schwarz zu. Herein bricht ein Gewitter, das im Hotel zum Stromausfall führt.


16. Januar: Fahrt mit einem Kleinbus nach Puente del Inca. Wir haben im Team auch einen Unterhalter, der zu jeder Gelegenheit eine Geschichte kennt und diese auch mit dem einleitenden Satz „Das ist kein Schmäh ..." erzählt. Um mich herum sind alles kernige Burschen und was wichtig und gut ist: Wir haben einen Arzt unter uns: Frankie-Boy. In Puente del Inca besichtigen wir die Schwefelquellen, dann geht es zur Ranger-Station am Eingang des Horconestales. Die Permits werden gecheckt und  Mülltüten (!) ausgehändigt, die voll wieder abgeliefert werden müssen, sonst droht Strafe. Zu Fuß geht es weiter zum Lager Confluencia (3350 m). 16.00 Uhr Ankunft. Aufbau der Zelte. Regen setzt ein.


17. Januar: 8.00 Uhr Aufbruch zur zweiten Akklimatisationswanderung zur Südwand des Aconcagua bis auf 4100 m hinauf. Temperatur: 7°C. Übernachtung im Lager Confluencia.


18. Januar: Abbau der Zelte, Packen. 8.30 Uhr Aufbruch zum Basislager. Das Tal des Horcones-Flusses weitet sich. Der Himmel zieht sich nach Mittag zu und es fängt an zu schneien. Das letzte Stück geht in Serpentinen steil aufwärts. Ein Gewitter begleitet uns. Die elektrisch geladene Luft entlädt sich an unseren Wanderstöcken. Bei starkem Schneefall erreichen wir k.o. das völlig verschneite Basislager Plaza de Mulas (4250 m). Es macht sich schlechte Laune im ganzen Team breit. Wir hatten etwas anderes erwartet. Mit Bergfreund Wolfgang teile ich ein Zelt, das wir sofort aufbauen. Wir ruhen uns aus.



19.00 Uhr gibt es Hähnchenschlegel mit Kartoffelbrei, herrlich von unserer Köchin zubereitet.


19. Januar: Ruhetag mit Spaziergängen in Richtung des Cerro Cuerno. Nachmittag packen wir das Gepäck für die Hochlager. Wir erfahren, dass unsere Vorgängergruppe, die eine Woche vor uns gestartet war, immer noch im Hochlager 1 bei -20°C gegen das Wetter kämpft und aus den Zelten nicht rauskommt. Bei uns sinkt die Stimmung. Dennoch packen wir weiter für die Hochlager. Der Berg ist weiß, wenn man einmal etwas von ihm sieht, und zwar vom Basislager aufwärts. Am Abend kommen neun Teammitglieder unserer Vorgängergruppe ins Basislager. Sie haben aufgegeben und sind frustriert. Aber am Abend geben die Wolken den Berg frei und um den Gipfel herum erscheint el ongo, der Wolkenpilz, der eisige Kälte und den Schneesturm viento blanco verrät. Heute Abend nehme ich meine Berghose, Strümpfe und Innenschuhe mit in meinen Schlafsack und schlafe schnell ein.


20 Januar: Mit den Expeditionsstiefeln und Gamaschen steigen wir zum Hochlager 1 auf. Je nach Verwehung sinken wir bis zum Knie in den Schnee ein oder laufen auf festem Grund. Das ist anstrengend. Aber der Himmel ist blau, das motiviert. Unterwegs begegnet uns ein weiterer Bergsteiger unserer Vorgängergruppe, der nicht mehr weiter steigen kann. Er berichtet, dass die Querung unterhalb der Canaleta wegen der Schneehöhe und den Schneestürmen im Augenblick nicht passierbar sei. Nach 5 ½ Stunden erreichen wir das Hochlager 1, Nido de Cóndores (5300 m), hinterlassen „das Zeug, das hier bleibt!" (so unser Chef) und steigen wieder ab. Der Himmel hat sich wieder zugezogen, es stürmt und schneit, auch im Basislager. 20.15 Uhr liegen  wir in den Schlafsäcken. Mein Puls liegt heute Abend bei 80 Schlägen, ein guter Wert. Die Einheimischen sagen, dass so ein Wetter im Sommer nur alle 10 Jahre vorkommt. Da scheinen wir das große Los gezogen zu haben! Die Gedanken drehen sich um den Gipfel und die Hoffnung, dass wir doch noch Glück im Unglück haben werden. Wie auch das Wetter wird, wir werden bei dem vielen Schnee einen beschwerlichen Aufstieg haben.


21. Januar: Um 4.00 Uhr weckt mich ein Sturm, der über das Basislager fegt und am Zelt rüttelt. 8.30 Uhr erneuter Aufstieg zum Hochlager 1 mit weiterem Material bei schönem, aber kaltem Wetter. Am Abend erfahren wir, dass aus unserer Vorgängergruppe nur der Bergführer und ein Gruppenmitglied zum Gipfel aufgestiegen sind. Eine junge freundliche Argentinierin der E-Mail-Station bietet mir Mate-Tee an, den ich zum ersten Mal trinke und der gut gegen alles sei. Ich finde, es gibt Schlimmeres. Heute war der erste Sonnentag am Aconcagua!


22. Januar: Ruhetag. Mein Ruhepuls liegt bei 64 Schlägen. Das ist mein Normalwert und er zeigt, dass ich voll akklimatisiert bin. Heute ist Waschtag. Am unteren Lauf des Gletscherbaches im Basislager wasche ich mich von oben bis unten und anschließend die Wäsche, die ich am Zelt aufhänge. Der Bergführer der Vorausgruppe kommt mit seinem Begleiter vom Berg zurück und berichtet, dass der Aufstieg „brutal" gewesen sei. Sein Begleiter redet wie ein Wasserfall, kann nicht mit Reden aufhören, er scheint ein „Erlebnis-Trauma" bekommen zu haben. Am Nachmittag üben wir mit dem Überdrucksack, der bei Höhenkrankheit eingesetzt wird. Nach dem Abendessen erhalten wir Instruktionen für den Gipfelaufstieg, der morgen beginnen soll.


23. Januar: 8.15 Uhr Aufbruch. Nach 5 Stunden erreichen wir das Hochlager 1, Nido de Cóndores. Wir packen sofort den Rucksack für das Hochlager 2. Dann wird gekocht. Ich koche Wolfgang und mir einen Nudeltopf und füllen alle Flaschen, die wir haben. Am Abend ist es bitterkalt, dafür erleben wir einen wunderschönen Sonnenuntergang.


24. Januar: Mein Ruhepuls liegt bei 70, das ist nicht zu beanstanden. 8.30 Uhr Frühstück. Es gibt Müsli und Cappuccino. Wir füllen unsere Flaschen mit Tee oder Wasser. Mir fällt auf, dass jeder der Teilnehmer irgendwann seinen miesen Tag hatte oder hat. Hier am Aconcagua kommt jeder an die Reihe. 10.00 Uhr treffen wir uns mit dem Bergführer und besprechen die Lage. Da es allen gut geht, brechen wir gegen 12.00 Uhr zum Hochlager 2 auf. Wir schleppen heute viel Gepäck mit uns. Wir müssen bei diesem Wetter auch den kritischen Fall einkalkulieren, dass wir mehrere Tage festsitzen. Der Weg ist überwiegend steil. Nach drei Stunden kommen wir im Hochlager 2, Berlin (5850 m) an. Die Berliner „Hütte" ist neu aufgebaut worden und bietet eine Notunterkunft an. Wir bauen die Zelte auf und beginnen gleich Wasser zu kochen. Es gibt heute Abend Hühnersuppe mit Brot. Auch heute hatten wir wieder Glück mit dem Wetter! Und da es so scheint, dass auch morgen wieder ein schöner Tag auf uns wartet, beschließen wir, morgen früh pünktlich 5.00 Uhr abmarschbereit auf Abruf im Zelt zu sitzen. Ich stelle den Miniwecker auf 3.30 Uhr. Während einer Pinkelpause in der Nacht spüre ich die eisige Kälte im Zelt. Bei jedem Windstoß rieselt der an der Decke gefrorene Atem auf uns herunter. Mit tief ins Gesicht gezogener Mütze und in fast voller Montur liegen wir im Schlafsack und vermeiden mit irgendetwas im Zelt in Berührung zu kommen. Selbst der Schlafsackrand am Gesicht ist eiskalt.


25. Januar: 3.30 Uhr Wecken. Habe bestens geschlafen! Wir ziehen uns an und verwandeln Schnee in kochendes Wasser. Zum Frühstück gibt es Griesbrei und Cappuccino. Die Flaschen werden gefüllt. Pünktlich 5.00 Uhr steigen wir aus dem Zelt. Es ist draußen -25°C kalt. Unsere Gruppe ist nicht vollzählig, aber wir warten nicht, sondern brechen sofort auf. Es dauert nicht lange, da spüre ich schon meine unterkühlten Fingerspitzen. Es weht ein mäßiger Wind, der die gefühlte Temperatur auf unter -40°C drückt. Ich knete unaufhörlich die Finger, die in dünnen Polyester-Handschuhen, darüber in Windstopper-Fleecehandschuhen und darüber in dicken Expeditionsfäusteln versteckt sind! Aber solange die Finger schmerzen, ist es noch nicht so schlimm. Als es dämmert, sehen wir den endlos langen Hang vor uns. Der Aufstieg ist beschwerlich, da wir immer wieder in den tiefen Schnee in den verwehten Senken einsinken. Ich will ein Foto machen. Wegen der eisigen Kälte klemme ich mir blitzschnell die Fäustel unter den Arm, ziehe meine Kamera aus der inneren Anoraktasche und fotografiere. Entsetzt beobachte ich, wie ein Fäustel sich löst, auf den Hang fällt und sofort auf Nimmersehen abrutscht. Nach der Schrecksekunde setze ich den Rucksack ab und hole Ersatzfäustel heraus. Seit diesem Ereignis weiß ich, dass man die Fäustel wie bei kleinen Kindern mit einer Schnur durch die Ärmel hindurch miteinander verbinden muss. Bei dieser Prozedur sind meine Finger so kalt geworden, dass sie zu erfrieren drohen. Ich bleibe stehen, öffne den Anorak und vergrabe meine Hände in den Achselhöhlen. Das hilft kurzfristig. Ich rette mich mit Fingergymnastik bis zum Sonnenaufgang. Dann geht es den Fingern besser. Nach einigen Stunden haben wir den Einstieg in die Querung erreicht. Ein eiskalter Sturm fegt über den Felsenkamm. Ich ziehe mir im Schutz eines großen Felsbrockens die Steigeisen an. Die Gefahr des Abrutschens ist in der Querung sehr groß. Dann erreichen wir die letzte Herausforderung: den verschneiten 33°-Geröllhang, die Canaleta, 400 m hoch. In der Canaleta kämpft sich jeder allein hoch. Der Gruppenverband löst sich auf. Wolfgang und ich steigen aber weiter gemeinsam auf. Wir wählen den linken Rand der Canaleta für den Aufstieg. Die Sonne hat die Eiseskälte gebrochen und hier oben im Hang fühle ich mich wohler. Am Ende der Canaleta müssen wir noch einen Felsen erklimmen und dann stehen wir gegen 15.00 Uhr überglücklich auf dem Gipfel des höchsten Berges des amerikanischen Kontinents, dem Aconcagua (6962 m). Wir haben einen gewaltigen Ausblick auf die Anden. Berge soweit das Auge reicht. Wir sitzen, laufen und staunen als plötzlich jemand schreit: „Sofort absteigen!" Wir wissen nicht warum, sehen aber, wie eine Wolkenwand rasant den Berg hochsteigt. Das verrät nichts Gutes. Wir schnappen unsere Rucksäcke und steigen ab und sind im Nu im Schneesturm verschwunden. Die Temperatur fällt auf -15°C, die Sicht ist streckenweise etwa 10 m. Wir laufen mit zwei Argentiniern, die uns wegen der Gefährlichkeit der Situation drängen, schneller abzusteigen. Der Abstieg ist quälend. Am Beginn der Querung setzt mein Gedächtnis aus. Ich erinnere mich nur noch an das Zusammentreffen mit unserem Bergführer weit hinter der Querung. Ich hatte einen Black-out erlebt. Mein Gehirn hatte auf den „Energiesparmodus" umgeschaltet, hatte alle überflüssigen Funktionen eingestellt. Später sagte man mir, dass ich mich ganz normal verhalten hätte. Rolf dagegen rutschte wohl an der Querung rd. 300 m ab und konnte sich nur mit der in den Schnee gedrückten Wanderstockspitze abbremsen. Gegen 21.00 Uhr erreichen wir das Hochlager 2, Berlin (5850 m). Hier erfahren wir, dass ein Teilnehmer heute Morgen nicht mit aufgestiegen ist. Glücklich, aber total fertig verkriechen wir uns ins Zelt und schlafen ein.


26. Januar: Nach 10 Stunden Schlaf werde ich gegen 7.00 Uhr wach. Meine Fingerkuppen sind leicht angefroren, sind gefühllos und pelzig. Aber ich bin in guter Gesellschaft. Alle in dieser Gruppe, einschließlich Bergführer, haben das gleiche Problem, einige sogar an den Zehen. 8.15 Uhr bauen wir die Zelte ab, sammeln allen Müll ein und laufen gegen 10.00 Uhr zum Hochlager 1. Dort füllen wir erneut unsere Flaschen und beginnen um 13.00 Uhr mit dem Abstieg ins Basislager. Auch heute Nachmittag zieht sich der Himmel wieder zu und Graupelschauer überziehen uns. Gegen 16.00 Uhr erreichen wir mit den schweren Rucksäcken das Basislager. Unsere Köchin wartet mit einer leckeren Pizza auf. Wir sind im Glück! Als wir das Gemeinschaftszelt verlassen, liegt der Aconcagua in der Abendsonne. Aber am Gipfel toben wieder Stürme.


27. Januar: Ruhetag. Wir telefonieren, verschicken E-Mails, trinken Cola, schreiben Postkarten, schlachten ein Marzipan-Glücksschwein von Ilse. Aber auch diese traurige Nachricht gehört zum Alltag des Aconcagua: dass heute wieder ein Bergsteiger am Berg verstorben ist.


28. Januar: Ruhetag. Wir haben noch Zeitreserven, die ein Teil der Gruppe nutzt, um einen 5000er in der Nachbarschaft zu besteigen.


29. Januar: Wir räumen im Basislager auf, packen Reisesäcke und Rucksäcke.


30. Januar: Aufbruch zum 30-Kilometer-Marsch bis zur Parkgrenze. Abgabe des Mülls. Auschecken. Weiterfahrt nach Los Penitentes. Übernachtung. Endlich wieder Duschen, Rasieren und weiche Betten!


31. Januar: Weiterfahrt bis zur chilenischen Pazifikküste nach Playa el Tebo. Ausspannen.


1. Februar: Fahrt nach Santiago de Chile. Heimflüge.



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