Die Besteigung eines 6000ers erfordert nicht nur etwas mehr Anstrengung als die Besteigung eines 3000ers, Höhenbergsteigen unterscheidet sich ganz wesentlich vom alpinen Bergsteigen, weil in extremen Höhen der menschliche Körper ganz anderen Belastungen ausgesetzt ist und anders reagiert.

Ganz grob gibt es drei Höhenstufen (die Höhenangaben sind ungefähre Werte):

1.     Mittlere Höhen (1500 - 2500m)

2.     Große Höhen (2500 - 5500m)

3.     Extreme Höhen ( ab 5500m).


Mittlere Höhen (1500 -2500m):

Der menschliche Körper passt sich problemlos mittleren Höhen an. Darüber hinaus sorgt der Körper für eine bessere Sauerstoffversorgung, was für therapeutische Zwecke, z.B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch von Sportlern für ein Höhentraining genutzt wird. Der Aufenthalt in mittleren Höhen kann sogar gesundheitsfördernd sein.


Große Höhen (2500 - 5500m):

Je höher man steigt, desto geringer ist der Luftdruck, bzw. der Sauerstoffpartialdruck (21% vom Luftdruck) und desto weniger Sauerstoffmoleküle sind pro Raumeinheit vorhanden. Dies führt zu einer arteriellen Sauerstoffsättigung, die ab etwa 2500m deutlich unter 90% fällt. Auf diesen Sauerstoffmangel muss sich der Körper einstellen. Dafür braucht er Zeit; d.h. er muss sich akklimatisieren. Wenn der Körper dazu keine Gelegenheit hat, kommt es zu einer Höhenkrankheit (Hirn-, Lungenödeme), die zum Tode führt, wenn die Höhe nicht umgehend verlassen wird. Die Höhenkrankheit tritt bevorzugt in großen Höhen auf.

Nach einer Akklimatisation ist der Körper wieder belastbar, aber auf einem niedrigeren Niveau.


Extreme Höhen (ab 5500m):

Eine Akklimatisation und damit ein Daueraufenthalt ist nicht mehr möglich. Das liegt daran, dass aufgrund des geringen Sauerstoffpartialdrucks die Lungenkapillaren nicht mehr genügend Sauerstoff/Zeiteinheit aufnehmen können. Eine ausreichende Sauerstoffsättigung ist nicht mehr möglich. Es kommt zu einem stetigen Leistungsabfall bis zum Tod durch Erschöpfung.

Folgerung: Der Aufenthalt über 5500m muss so kurz wie möglich sein, um den Verlust an Leistungsfähigkeit zu minimieren. Dieses Gesetz bestimmt die gesamte Taktik am Berg. Ab 5500m beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Die meisten Besteigungen in extremen Höhen scheitern nur deshalb, weil die Planung nicht gestimmt hat. Beispiel Kilimandscharo: Höhe 5860m. Das sind nur 360m über der kritischen Grenze von 5500m. In dieser Höhe schafft ein akklimatisierter und gut trainierter Bergsteiger eine Aufstiegsgeschwindigkeit von etwa 300 Hm/Std. Also kein Problem für einen gut akklimatisierten Bergsteiger. Auch von der Kibo-Hütte aus (4700m), dem letzten Lager vor dem Gipfel, sind die 1100 Hm in 7 Std. zu meistern. Dennoch erreichen laut Statistik der Nationalparkverwaltung weit weniger als die Hälfte der Bergsteiger den Gilman's Point (Kraterrand auf 5700m) und noch einmal deutlich weniger den Uhuru Peak, den Gipfel. Der Grund für die schlechte Ausbeute ist mangelnde Planung und falsche Aufstiegstaktik.


Zur Höhe selbst:

Der Luftdruck in der Höhe ist abhängig von

  • der Höhe über NN (je höher desto niedriger)
  • der geographischen Breitenlage (je südlicher oder nördlicher vom Äquator desto niedriger, weil über dem Äquator kalte und damit schwere Luftmassen nach unten drücken. Deshalb ist der Aconcagua schwerer zu besteigen als ein vergleichbar hoher Berg im Himalaja. Vegetationsgrenzen: Himalaja = 5000m, Kilimandscharo = 4600m, Aconcagua = 3500m!
  • der Jahreszeit und Temperatur (im Winter niedriger als im Sommer, da ein Zusammenziehen der Luft eine Abnahme des Drucks bedeutet).
  • der Wettersituation (Bei Wetterstürzen niedriger als bei schönem Wetter)

Akklimatisation:

Mit Akklimatisation werden die Mechanismen bezeichnet, die versuchen, bei geringerem Sauerstoffpartialdruck eine ausreichende Sauerstoffversorgung aufrechtzuerhalten. Merkmale einer Akklimatisationsphase (vereinfacht):

  • Zuerst Ansteigen und  dann Abfallen der Ruheherzfrequenz bis zum Wert vor der Expedition
  • Erhöhte Atemfrequenz und des Atemvolumens
  • Erhöhte Urinausscheidung
  • Bei fehlender Akklimatisationsmöglichkeit: alle Formen der Höhenkrankheit.

Diese Symptome sind stark abhängig von der Verfassung und dem Alter des Bergsteigers!

In extremen Höhen ist keine Akklimatisation möglich. In dieser Höhe beginnt die Verfallsphase (Zeitlicher Verlauf ist höhenabhängig.

  • Herzfrequenz und Atemfrequenz bleiben erhöht, da eine permanente Unterversorgung mit Sauerstoff besteht (Der Sauerstoffübertragung an die Blutkapillaren der Lunge steht aufgrund der hohen Blutströmungsgeschwindigkeit nicht genügend Kontaktzeit zur Verfügung ). Damit geht eine Abnahme der Leistungsfähigkeit einher.
  • Verlust an Muskelmasse, da der Körper versucht, das Versorgungsgebiet an Muskelzellen jeder Kapillare zu verkleinern, um die Sauerstoffversorgung für den Rest sicherstellen zu können. Damit geht eine Abnahme der Leistungsfähigkeit einher, die auch nach Rückkehr vom Höhenaufenthalt weiter besteht. Eigene Erfahrung!
  • Chronische Dehydration
  • Gefahr von Thrombosen, Lungenembolie und Erfrierungen
  • Antriebslosigkeit

Die Folgen für den Aufstieg in extreme Höhen:

  • Beeinträchtigung der Ausdauerleistungsfähigkeit.
  • Kontinuierliches Steigen nur bis max. 7000m (bei mir schon deutlich darunter!) möglich. Dann folgt das intermittierende Steigen (Grenze abhängig vom Luftdruck, Alter, Trainingszustand, Körpergewicht und Ausrüstung, Steigung, Wind, Schnee, persönliches Steigverhalten und -ökonomie wie Hyperventilation und richtiges Laufen).
  • 7000er und höhere Berge im Expeditionsstil zu ersteigen (Basislager unter 5500m, dort Akklimatisationsprogramm, gefolgt von einem schnellen Aufstieg zum Gipfel. Bevor der Körper merkt, dass er oben ist, muss er wieder unten sein).
  • Es müssen Lager über 5500 eingerichtet werden.

Am Aconcagua und am Mustagh Ata gibt es keine Träger. Die Expeditionsteilnehmer müssen alles selbst tragen und die Lager selbst einrichten.



Vorbeugende Maßnahmen:

  • Guter Ausdauertrainingszustand, d.h. gute Kondition. Diese ist wichtig, um Leistungsverluste zu kompensieren. Bei guter Kondition steigt die Herzfrequenz bei Belastung und damit die Blutströmungsgeschwindigkeit nicht so stark an, was den Lungenkapillaren die Möglichkeit gibt, mehr Sauerstoff aufzunehmen. Aber auch Kraft und Beweglichkeit müssen trainiert werden (Beinstreckmuskulatur, Arm, Schultergürtelmuskulatur). Wichtig für die Beweglichkeit sind Stretching-Übungen.
    Die Größe der Ausdauerleistungsfähigkeit bestimmt wesentlich die Aufstiegsgeschwindigkeit. Schnelligkeit ist Sicherheit! Der Abfall der Ausdauerleistungsfähigkeit in der Höhe beträgt ab 1500 m ca. 1%/100 Hm!
    Training im aeroben Bereich. Max HF = 220-Lebensalter. Mind. 4 Std./Woche.
    Bei Besteigungen über 7500m Höhe kommt noch ein Atemmuskulatur-Training hinzu: Ausdauertraining nur mit Nasenatmung durchführen!
  • Günstig wirkt sich eine Vorakklimatisation kurz vor der Reise aus. Dies geschieht durch Höhenaufenthalte. Schlafhöhe mind. 2500 - 3000m und mind. 3 Tage.
  • Körper am Berg beobachten. Herz-Frequenz-Protokoll führen. Tägliche Urinmenge mind. 1 Ltr.
  • Trittsicherheit durch Gleichgewichtsübungen trainieren. Unfallgefahr Nr. 1 in den Bergen ist das Ausrutschen. Einfaches Ausrutschen auf Schnee und Geröll sind erheblich häufiger als ein Spaltensturz.
  • Gewicht minimieren (Körpergewicht und Gewicht der Ausrüstung). Bei einem erhöhten Gesamtgewicht benötigt man mehr Zeit zum Aufstieg. Schnelligkeit ist aber Sicherheit. Keine unnötigen Sachen mitschleppen!
  • Bewusste Hyperventilation in extremen Höhen. Damit wird der Sauerstoffdruck auf die Lungenkapillaren erhöht, was zu einer besseren O2-Sättigung führt. Wichtig ist das Ausatmen, um das CO2 auszustoßen und Platz für den Sauerstoff zu schaffen.
  • Warm anziehen! Um die gesteigerte Herzarbeit zu verringern, schränkt der Organismus die Durchblutung und damit die Durchwärmung zahlreicher Kapillargebiete im Bereich der Körperoberfläche ein. Damit steigt die Gefahr örtlicher Erfrierungen. Im Schlafsack Mütze aufsetzen!
    Dampfsperren an den Füßen verwenden: dünner Synthetikstrumpf + 25l-Mülltüte + dicke lange Strümpfe. Beim Aufsteigen nicht schwitzen!
    Beim Aufstieg in einen Schal atmen, um Feuchtigkeit zu binden (Warmluftpolster). Andernfalls Gefahr eines Höhenhustens.
  • Viel trinken 3-4l in 24 Std., auch während der Nacht trinken! Damit wird das Blut verdünnt und die Sauerstoffversorgung der Zellen in den peripheren Regionen verbessert. Es verringert sich auch die Gefahr von Thrombosen/Embolien.
  • Ökonomisches Bewegen. Alle überflüssigen Bewegungen weglassen. Körperschwerpunkt nicht auf- und ab- oder nach vorne und nach hinten bewegen. Beinarbeit erst, wenn Körperschwerpunkt über dem Standbein. Je höher man steigt, desto wichtiger wird die Bewegungsökonomie.
  • Bis zum Gipfellauf langsam gehen. Herzfrequenz nie höher als 220 - Lebensalter x 0,7.
  • Nahrungsmittelhygiene!! Durchfall muss sofort und erfolgreich behandelt werden, da sonst hoher Flüssigkeitsverlust.
  • Basislager gesund erreichen. Keine Erkältungskrankheiten mitbringen! Vorsorge treffen. Austrocknen der Schleimhäute verhindern, Pastillen lutschen, häufig trinken, durch einen Schal atmen.
  • Gelassenheit am Berg ist wichtig. Kein Stress. Durchhaltewillen, Leidensfähigkeit, Entschlusskraft, Teamfähigkeit und Risikobereitschaft sind erforderlich.
  • Wer einen guten Schlaf in der Höhe hat, hat ein „Pfund, mit dem er wuchern kann". Mit erhöhtem Oberkörper im Zelt sich zur Ruhe legen.

Quelle u.a.: Thomas Lämmle, Höhenbergsteigen, Technik - Taktik - Training, 2000, D-88267 Vogt

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